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Bis 08.10.17 Galerie Hengevoss-Dürkop – Eros

GRUPPENAUSSTELLUNG_
Galerie Hengevoss-Dürkop, 08. September bis 08. Oktober 2017

Was wäre diese Welt ohne Eros? In einer Zeit, in der pornographische Bilder für jeden jederzeit verfügbar sind, in der das Intime in den Medien und im Internet wie nie zuvor ausgebreitet und verhandelt wird, in der viele in allen möglichen Kanälen sich zur Schau stellen, ist das Thema in der Gegenwartskunst eine eigene Fragestellung und Herausforderung jenseits von Klischees.

In Glasarbeiten –  1,60 m hohe Stelen, die frei im Raum stehen und an der Wand als Installation präsentierten Scheiben – greift Jörg Länger das Sujet auf. In den ausgestellten Arbeiten ist es das Licht und die Bild-Choreographie auf Glasplatten und der auf diesen collagierten Buntglas-Bruchstücken, das dem Thema feinsinnige Akzente gibt.  Länger verwendet antikes und mundgeblasenes Glas. Erotische Szenen nimmt er aus Vorlagen, unter anderem von griechischen Vasen, die er teils als einzelnes Motiv großflächig in die Mitte stellt und kleinfigurig in mäandernder Form als Ornament über die Fläche wandern lässt. Die Bilder sind in das Glas teils gebrannt, teils sandgestrahlt. Jörg Länger, ursprünglich Berliner, auch den Geistes- und Religionswissenschaften, dem Film und der Fotografie zugewandt, lebt am Chiemsee.

Die Koreanerin Kyung-hwa Choi-ahoi, die nach ihrem Abschluss mit Auszeichnung an der HfbK in Hamburg geblieben ist, ist vor allem durch ihre fragilen, die soziale Alltagswirklichkeit und Traumsequenzen verarbeitende Tagebuch-Zeichnungen bekannt. Sie bleibt auch bei diesem Sujet in einer surrealen, das Unterbewusstsein ansprechenden Bildsprache. In den ausgestellten Arbeiten zeichnet sie mit Bleistift Details von Bildern des venezianischen Malers Paris Bordone ab. Auf einer anderen gezeigten Zeichnung mit Buntstiften sind die Köpfe eines sich küssenden Paares zu sehen, das im Zeichenblattuntergrund zu verschwinden scheint. Auf einer weiteren Zeichnung hält ein weiblicher stehender Akt mit einem Ball an der Schulter Abstand von einer Wand, in der sich das Gesicht eines Mannes schemenhaft verbirgt.

Ganz im Gegensatz stehen dazu die mit Filzstift auf dünnem Seidenpapier in einem Strich gezeichneten Paare im Liebesakt von Julien Roux. Der Künstler studierte an der École Nationale Supérieures des Beaux Arts Paris bei Annette Messager, schloss ebenfalls mit Auszeichnung ab und lebt und arbeitet seit Jahren in Tel Aviv. Kalligraphisch verkürzt verschmelzen in diesen Zeichnungen Oben und Unten, Innen und Außen, Geschlechtsteile und Glieder in immer neuen Posen.

Mit einer kräftigen Brise Humor geht die Kölnerin Cony Theis in den ausgestellten Zeichnungen (chinesische Tusche auf Transparentpapier) vor. Die Künstlerin, die sich unter anderem durch ihre Ausstellungen zum Thema Verbrechen, Opfer, Tätern, Schuld und Wahrheitsfindung einen Namen gemacht hat und seit 2013 eine Professur an der Hochschule der Künste im Sozialen in Ottersberg innehat, verwendet Bunny Aufnahmen aus alten Playboy Ausgaben. Es sind starke Frauentypen, die sich in ihrer individuellen Ausstrahlung von heutigen Bunnies deutlich unterscheiden und in den dargestellten Szenen vermuten lassen, dass Männer ihnen gerade erlegen sind. Die tatsächlichen Begebenheiten bleiben unklar, sei es, ob der Mann in Rückenansicht, der seinen Mantel öffnet, ein Exhibitionist ist oder warum auf einem anderen Blatt im Hintergrund ein Mann von Polizisten abgeführt wird. Immer dominieren die Frauen als strahlende Gestalten das Geschehen.

Der Deutsch-Nigerianer Ransome Stanley, der in den letzten Jahren immer mehr internationale Anerkennung bekommen hat, geht von Gustave Courbet’s Skandalbild von 1866 „Der Ursprung der Welt“ aus. Doch das, was das Skandalöse war, ist für ihn als Maler heute eher mit diesem Bild verbunden, als das dargestellte Sujet selbst. Es zeigt einen Frauenkörper in starker Untersicht mit der nackten, behaarten Vulva im Zentrum und mit Blick auf eine entblößte Brust. Daher malt Stanley Variationen des Bildes, die auf Courbets Vorlage rekurrieren, in denen aber nicht mehr die Nacktheit, sondern der Blickwinkel die Rolle spielt, mit dem eine ähnliche Aussage erzielt wird.

Für Bea Emsbach sind die mit einem Kolbenfüller und roter Tinte ausgeführten Zeichnungen zum Markenzeichen geworden. Eine Frau in Halbfigur widergegeben bietet ihre langen Haare an und sieht dabei eher fassungslos aus. In einer anderen Zeichnung rekurriert auch Emsbach auf das berühmte Gemälde von Courbet, auf der aber im Gegensatz zu Courbet auch das Gesicht der Frau in starker Untersicht gezeigt ist. Es prägt eine seltsam starre Mimik.  Weisen diese Zeichnungen eine lineare Strichgebung auf, erscheint auf einem weiteren ausgestellten Tintenaquarell das „Noli me tangere“ – Sujet in der Wildnis. Eine unbekleidete Frau, die wie in Emsbachs Serie „Die Anthropologin zuhause“ als Teil eines archaischen Volkes auftritt, breitet ein Laken vor ihrem Körper aus. Ein vor ihr kniender Mann berührt durch das Tuch ihren Körper. Emsbach befasst sich vielleicht am berührendsten mit der Ambivalenz des Themas Eros.

Der jüngste Künstler in der Gruppe, Fabian Hesse, ist in einer Gemeinschaftsarbeit mit der ebenfalls in München lebenden Künstlerin Mitra Wakil zu sehen. Titel des computermanipulierten Datensatzes und in 3 D in Lebensgröße ausgedruckt: „o.T. Kopf“. Er zeigt die Verschmelzung zweier liegender Köpfe, wobei aus der Hälfte des wunderschönen Frauenkopfes ein zartes Geflecht (von Gedanken?)  wabert.

Quelle: Galerie Hengevoss-Dürkop. Motiv (Ausschnitt): © Cony Theis, Bunnies 7, 2013, Aquarell, Tusche und Ölfarbe auf Transparent

Galerie Hengevoss-Dürkop
Mi bis Fr 12:00 bis 19:00, Sa 12:00 bis 15:00
Galeriehaus Hamburg, Klosterwall 13, Hamburg
www.hengevossduerkop.de

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