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enorm: Kunstsammler Christian Boros im Interview

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enorm Magazin 06, Dez 2016 / Jan 2017
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Mehr Täter! Der Mensch ist nicht dazu da, Dinge zu verpacken oder zu transportieren, sagt der Kunstsammler Christian Boros – und fordert Unternehmen dazu auf, sich in der Erwerbsarbeit wieder mehr auf den schöpferischen Geist zu berufen

Christian Boros ist einer der wichtigsten deutschen Kunstsammler. Sozialisiert wurde der gebürtige Pole durch die Kölner Kunstszene der 70er- und 80er-Jahre, wie er sagt. Und durch seinen Grundschullehrer – einen Künstler. Die Leidenschaft für das Unangepasste, Störende, Nichtgefällige behielt er auch als Unternehmer und Besitzer einer Kommunikationsagentur bei. Im ehemaligen Berliner Reichsbahnbunker, der noch in den 90ern einen Techno-Club beherbergte, ist seine außergewöhnliche Privatsammlung zeitgenössischer Kunst zu besichtigen – Christian Boros begann Arbeiten von Künstlern wie Wolfgang Tillmanns und Damien Hirst zu sammeln, als diese noch weitgehend unbekannt waren; inzwischen sind die Werke zum Teil Millionen Euro wert. Wir treffen den 52-Jährigen in seiner Berliner Agentur, einem ehemaligen Pumpwerk, in dessen hallenartiger Atmosphäre der Besucher sofort Kunst zu atmen meint.

Herr Boros, ist Kunst machen eine Arbeit?

Es ist auf jeden Fall eine Arbeit! Geistesarbeit. Es gibt dazu eine wunderbare Anekdote: Ein Sammler traf Picasso in einem Café und bat ihn, auf der Serviette eine Zeichnung zu machen. Picasso hat das in zehn Sekunden erledigt. Der Sammler sagte, die sei wirklich toll, die Zeichnung, und ob er sie kaufen könne. Worauf Picasso erwiderte: „Ja, klar, für zehntausend Dollar.“ Der Sammler ist empört: „Aber Sie haben doch nur drei Sekunden dafür gebraucht!“ Daraufhin Picasso: „Nein, dreißig Jahre!“ Man zahlt bei Kunst eben nicht die handwerkliche Arbeit wie bei einem selbstgestrickten Pullover. Hier bezahlt man einen großen Anteil Arbeitszeit und einen gewissen Anteil Wolle. Bei Kunst ist es immer die Gedankenarbeit, die man honoriert, das Konzeptionelle. Das Handwerk ist nachgelagert.

Kann Kunst damit ein Vorbild sein für klassische Arbeit?

Bei wirtschaftlicher Arbeit muss man unterscheiden. Spricht man von einer unternehmerischen Arbeit oder einer Angestelltenarbeit? Ich zum Beispiel fühle mich als Unternehmer. Für mich haben deshalb der Typus Unternehmer und der Typus Künstler eine absolute Wesensverwandtschaft.

Wie zeigt sich die?

In der Geschichte großer Unternehmer kann man immer wieder eine starke Affinität zur Kunst beobachten. Künstler sind für Unternehmer einfach eine unglaubliche Bereicherung, die sie in anderen Bereichen nicht finden können. Der Grund dafür ist, dass der Künstler keinen Chef hat. Er steht morgens auf und arbeitet nicht auf Weisung, sondern ist schöpferisch aus eigenem Antrieb. Keiner sagt ihm: Bitte das Bild rot malen! Einer solchen Weisung würden nur schlechte Künstler folgen, die vielleicht denken, Bilder in Rot gehen gerade gut. Der Künstler, den ich meine, arbeitet aus seiner Berufung heraus und ist vollkommen selbstbestimmt. Darin besteht schon ein gewisser Vorbildcharakter für die Wirtschaftsarbeit.

Das mit der Selbstbestimmung war aber nicht immer so.

Stimmt. Dieses Modell des Künstlers gibt es erst seit sechshundert Jahren. Davor gab es das nicht. Da gab es das Handwerk. Erst seit der Renaissance gibt es eine zweckfreie Kunstproduktion. Seitdem kann man den Künstlertypus auch wirklich erst als Autor seiner Handlung bezeichnen. Erst seitdem signieren Künstler auch.

Gibt es eine Art Signatur auch in der Wirtschaft?

Die Autorenschaft endet mit der Signatur: „Ich habe das gemacht“. Dieses Ich ist ein entscheidender Faktor. Das ist vergleichbar mit einer Firma, bei der auf dem Produkt der Name Henkel steht. Das ist dann genauso signiert. Das hat einer gemacht, der daran glaubt, dass man mit Persil seine Sachen besonders gut gewaschen kriegt. Oder nehmen Sie Apple-Gründer Steve Jobs. Er glaubte daran, dass Computer schön sein müssen und ist mit seinem Ich voll dafür eingestanden. Da sieht man dann schon gewisse Ähnlichkeiten zwischen Unternehmern und Künstlern. Künstler trauen sich jeden Tag aufs Neue, „ich“ zu sagen.

Einige selbstständige Unternehmer können das vielleicht sagen. Aber was ist mit den vielen Angestellten?

Wenn man heute die normale Arbeit eines Angestellten sieht und die leitenden Angestellten sprechen hört, sagt keiner „ich“. Alle sagen immer „wir“. Es wird heute ein Wir-Programm gefahren, damit es einen nicht alleine trifft, falls etwas schiefgeht. Das ist Risikominimierung.

Ist das nicht nachvollziehbar?

Nein. Ich will wissen, was jemand denkt und sagt. Mit aller Verbindlichkeit. Ich will ihn persönlich loben können und jubeln, wenn es mir gefällt, was er sagt. Und ich will ihn persönlich kritisieren können, falls er etwas Schlechtes denkt aus meiner Sicht. Jeder Unternehmer arbeitet mit diesen Verbindlichkeiten und mit dieser Verantwortung. Wenn ein Herr Hipp Kindernahrung herstellt und da wäre Düngemittel drin, dann kriegt er Haue. Wenn sie aber gut ist, die Kinder alle rote Bäckchen haben und die Mütter das Produkt kaufen, dann freut er sich.

Wie der Künstler, der ein Werk verkauft?

Lob, Anerkennung, Erfolg, aber mit der ganzen Verantwortung auch Misserfolg, das kennen Künstler durch und durch. Künstler sind Autoren ihres Denkens und ihres Handelns, mit allem Risiko. Genau wie die Unternehmer auch beides haben: sowohl die Freude als auch die Verantwortung. Gebündelt ist dies im starken Wunsch, Täter zu sein. Der Künstler und der Unternehmer: Das sind beide Tätertypen!

Noch einmal: Was ist mit den vielen sogenannten Weisungsempfängern? Können diese Mitarbeiter überhaupt Täter sein?

Das ändert sich gerade frappierend. Schauen Sie mal in die Job-Portale! In jeder Annonce für Bäcker oder Gärtner steht heute, die Bewerber sollen auch kreativ und eigenverantwortlich handeln können – natürlich ein bisschen im Widerspruch zum risikominimierenden Wir-Programm. Wir leben in einer Zeit, in der Kreativität nicht mehr nur eine kleine Teilmenge des Geschehens ist: Hier der kreative Künstler sowie der schöpferische Unternehmer, der Dinge, Produkte und Dienstleistungen erfindet, und dort die breite Masse, die das dann umsetzt. Heute wird auch von den Ausführenden Kreativität gefordert. Das ist eine ganz interessante Entwicklung. Ich denke, Joseph Beuys würde sich wahnsinnig freuen. Er sagte ja, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Er meinte damit, dass in jedem Menschen die Fähigkeit steckt, kreativ zu sein. Und genau das wird heute zunehmend gefordert.

Beim Künstler kommt noch die Berufung, die Komponente „Sinn“ dazu: Er weiß, wofür er kreativ ist.

Wenn Mitarbeiter kreativer sind und sich nicht nur als Weisungsempfänger verstehen, dann ergibt die Arbeit per se mehr Sinn. Darin liegt doch eine große Chance. Wer weiß denn, wohin die Produktionen demnächst ausgelagert werden? Oder landen sie sogar gleich beim Roboter? Umso wichtiger wird es für unsere Gesellschaft, dass wir uns in der schöpferischen Betätigung viel mehr professionalisieren. Die Daseinsberechtigung jedes Mitarbeiters wird nicht mehr darin liegen, irgendetwas zu verpacken oder zu transportieren.

Sondern?

Wir müssen uns viel mehr auf den Erfindungsgeist berufen, der in unserer Kultur eine lange Tradition hat. Wenn Mitarbeiter selbstbestimmt und kreativ sind, gibt es Entwicklungen. Gute Firmen wissen das. Bei VW werden dank der Verbesserungsvorschläge der Mitarbeiter jedes Jahr hunderte Millionen Euro eingespart.

Mit Beginn der Industrialisierung wurde die Naturwissenschaft die Leitdisziplin der Arbeit, bestimmt von kühler Betriebsführung, Massenproduktion und Effizienzwahn. Kann jetzt die Kunst eine Leitfunktion einnehmen?

Schauen Sie sich doch alleine unsere Schulen an. Na klar, Mathematik und Latein sind wichtig, um Struktur und Ordnung in die Gedanken zu bringen. Aber wenn unsere Gesellschaft wirklich überleben will, dann müssen schon alle Kinder Kunst als Leistungskurs haben. Denn nur so lernen sie wieder mehr zu spielen und zu hinterfragen. Im Hinterfragen liegt doch die Stärke unserer Gesellschaft.

Können andere das spielerische Hinterfragen nicht längst viel besser als wir, zum Beispiel im Silicon Valley?

Im Silicon Valley praktizieren sie im besten Fall ein europäisches Denken. Dort kannst du durch neue Ideen erfolgreich sein, dadurch, dass du dich traust, „ich“ zu sagen. Die Menschen da machen genau das, was wir Europäer uns über Jahrhunderte erarbeitet haben – natürlich mit großem Erfolg. Das alleine kann es doch nicht sein, wenn man die Dimension der Umwälzung sieht, die von dort ausgeht. Was ist deren Antrieb? Und was machen wir falsch? Wir Europäer sind eine Gesellschaft der Künstler, Denker, Musiker und Dichter. Wir haben wahnsinnig viel erschaffen. Nach so einer Blütezeit kommt immer eine Zeit des Konservierens. Wir leben eindeutig in einer Gesellschaft, die konservativ ist, sich rückbesinnt, die die Erfolge von gestern einfriert. Das passt am besten zu unserer Angst. Aber dieses Einfrieren statt „Let´s do it!“ ist natürlich kein guter Humus. Und die Leute im Silicon Valley sind im Prinzip so wie die Römer vor ihrer Blütezeit. Die sind noch lange nicht so weit, dass sie einfrieren müssen. Die sind noch im Erfindungsmodus.

Also nah am Künstler?

In meinen Augen sind im Silicon Valley alle Künstlertypen – alles Phäno- oder Tätertypen, die wir aus der Kunstproduktion kennen. Sie erfüllen die genannten Kriterien für Künstler: Sie sind hinterfragend, unorthodox, nicht angepasst, subversiv, nichts wiederholend, unkonventionell, disruptiv. Sie denken in Alternativen, neuen Modellen Geschäftsmodellen, Erwerbsmodellen und in ästhetischen Programmen. So wie Joseph Beuys den Kunstbegriff revolutioniert hat und wie die jungen Wilden in den 80er-Jahren es taten. Und so wie das heute die Konzeptkünstler oder die „Postdigital Artists“ machen.

Gibt es umgekehrt eine Wirkung vom Silicon Valley auf die Kunst?

Interessante Frage. Was wäre, wenn das Kreativmonopol für die Künstler wegfällt? In jeder Bewerbung, die man bekommt, wird ja inzwischen das Kreativitätspotenzial herausgestellt. Wenn das also jeder hat, reagiert der Künstler wieder in Alternativen. Künstler wie der Maler Sigmar Polke konterkarieren die Kreativitätsinflation. Der Künstler Gerhard Merz hat das besonders schön gesagt: „Kreativität ist etwas für Frisöre.“

Welche Möglichkeiten hat die Kunst, mit dem Aufweichen des Kreativitätsmonopols umzugehen?

Heute ist die Kunstproduktion im Gegensatz zu den vergangenen Dekaden wahnsinnig disparat, weil die Feindbilder und die Gegenmodelle so vielfältig sind. Es gibt Künstler, die arbeiten quasi wie Wissenschaftler, sie beschäftigen sich zum Beispiel mit Neuroforschung. Einer meiner Lieblingskünstler, Tomás Saraceno – das ist der Typ mit diesen riesigen Spinnengeweben –, züchtet Spinnen, macht Netzwerkforschung und liest Werke über Neuroästhetik. Dann gibt es Künstler, die sehen den Kunstmarkt mit seinen explodierenden Preisen im Zentrum ihrer Kritik – vor kurzem ist die 300-Millionen- Dollar-Marke für ein Bild geknackt worden. Junge Künstler nervt die Monetarisierung, der Fetisch und der Distinktionsgewinn von Kunst. Sie arbeiten quasi entmaterialisiert und performativ.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wenn man als Sammler eine Arbeit von Tino Sehgal haben will, muss man mit ihm zu einem Notar gehen, bei dem sonst Gegenstände und Grundstücke verschoben werden. Dort kauft man per notariell beglaubigtem Vertrag eine Performance des jungen Künstlers. Eine Performance ist ja ungegenständlich. Und da es ausdrücklich nicht erlaubt ist, das Ganze filmisch oder auf andere Art festzuhalten, bleibt Sehgals Kunst nur in der Erinnerung der Beteiligten bestehen.

Zum Künstler gehört auch das Element des Radikalen. Das schreibt man Unternehmern, Managern und Angestellten in der Regel nicht zu, oder?

Nein, das stimmt nicht. Ich riskiere nicht nur meinen Kopf, sondern auch die Köpfe meiner 51 Mitarbeiter, wenn ich zu einem Kunden auch einmal nein sage. Ein erfolgreicher Dienstleister dient nicht, sondern er leistet. Das ist mit einem hohen Risiko behaftet. Ein Künstler hat dann vielleicht nichts zu futtern oder eine kalte Bude. Aber ich riskiere mit einem Konkurs, mit falschen Entscheidungen, mit einem Scheitern nicht nur meine gesamte Existenz bis ans Lebensende, sondern auch das Auskommen meiner Mitarbeiter. Viele denken, der Künstler riskiert ja so viel und der Unternehmer ist so ein opportunes Markttierchen. Das stimmt nicht. Ich habe genauso Angst. Mir krabbeln nachts die gleichen Sorgen über die Bettdecke wie dem Künstler.

In Ihrer Idealvorstellung ist der Unternehmer ein schöpferischer, unangepasster Geist. Die meisten sind doch aber bestrebt, das Risiko zu minimieren und mithilfe von Marktforschungen genau die Produkte zu entwickeln, die die Kunden wünschen. Das widerspricht der künstlerischen Autorenschaft gänzlich.

Das sind dann keine Unternehmer, wie ich sie verstehe. Sie handeln nicht aus einer inneren Notwendigkeit, sondern sind bloße Firmenverwalter und Erben.

Kann man den Konzernsoldaten, der dreißig Jahre bei Großunternehmen gearbeitet hat, überhaupt zum Täter machen?

Sehr schwer. Eigentlich muss man schon bei den Kindern anfangen: Nicht die Schleimer sind gesucht, sondern die Menschen, die merkwürdig sind. Wie Künstler eben. Merkwürdigkeit ist etwas Hochpositives. Hier geht es darum, dass etwas würdig ist, von Menschen bemerkt zu werden. Das ist sicher ein Leitmotiv für die Zukunft, bei Künstlern und Unternehmern sowieso, genauso aber auch bei Mitarbeitern und Angestellten.

Text/Interview: Kristin Lüders & Dominic Veken. Foto (Ausschnitt): © Hamburg2go, Leon62.
Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung von enorm, Jan. 2017. Disclaimer: Der Herausgeber von Hamburg2go arbeitet nicht im und für den Verlag in dem enorm erscheint, ist diesem jedoch freundschaftlich verbunden.

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Ausgabe 06, Titelgeschichte: „Meine Daten gehören mir!“
Interview mit Christian Boros „Mehr Täter“
Hamburg, Schopenstehl 15
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